Günther Wirth

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Günther Wirth

»Die neue Richtung unseres Zeitalters - Martin Luther Kings Traum von Gerechtigkeit, Gleichheit und Gewaltlosigkeit«

Martin Luther King und seine Bedeutung für uns heute

15. Januar 1999

zum 70. Geburtstag M. L. Kings am 15.01.1999

für das Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage Werdau

Wenn ich mich richtig erinnere, ist das bürgerrechtliche Engagement Martin Luther Kings und seiner Freunde in der DDR nicht sofort zur Kenntnis genommen worden. Zwar war die Negerfrage immer abrufbar im Inventar der DDR-Propaganda - übrigens auch im kulturellen Leben, wenn ich an Paul Robeson denke, an das Schauspiel “Hotelboy Ed Martin” oder an die Rezeption des Werks des bedeutenden schwarzamerikanischen Wissenschaftlers William Du Bois, der übrigens in Berlin studiert und dessen Memoiren Jürgen Kuczynski herausgegeben hatte. Andrerseits konnte die DDR-Propaganda aber auch auf ganz anderen Klaviaturen spielen und etwa bei Schilderung von “Besatzerwillkür der US ARMY” womöglich auf Negersoldaten populistisch abheben, und auch im ideologischen Kampf gegen den Amerikanismus, den American Way of Life, gegen bestimmte Erscheinungsformen des Jazz usw., spielte diese Nuance eine Rolle. So oder so war jedenfalls die Negerfrage integraler Bestandteil des Kampfes gegen den amerikanischen Imperialismus. Dies bekam jeder zu spüren, der - so oder so - in solchen Fragen eine eigene Meinung formuliert: Als etwa um 1949/50 der Dresdner Theaterkritiker und Schriftsteller Wolfgang Paul im liberaldemokratischen “Sächsischen Tageblatt” das Theaterstück zweier amerikanischer Kommunisten zur Negerfrage verriß, weil dieses seinerzeit viel gespielte Stück den ästhetischen und dramaturgischen Ansprüchen nicht genügte, mußte er gehen - er habe den Befreiungskampf der amerikanischen Neger verraten. Paul ging, aber sogleich nach Westberlin, wo er - zuletzt Präsident der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft - kürzlich verstarb.

Daß man MLK um 1960 in der DDR zur Kenntnis nahm, daß er in den Medien eine gewisse Rolle zu spielen begann, selektiv, wie es freilich allen Medien eigen ist, hatte damit zu tun, daß mit King und der Southern Christian Leadership Conference (oder jedenfalls erstmalig wieder ) eine effektive Bewegung entstanden war, die neue Tatsachen und Akzente im Bürgerrechts-Kampf zu setzen imstande war und die damit den herrschenden Kreisen in den USA zu schaffen machte. Und was den herrschenden Kreisen in den USA zu schaffen machte, mußte die Medien in der DDR interessieren.

Da es in der damaligen DDR-Führung noch einige Persönlichkeiten gab, die die USA als Emigrationsland kennengelernt hatten, neben dem terrible simplificateur Gerhart Eisler, Chef des Staatlichen Rundfunkkomitees, der differenzierender argumentierende und genauer beobachtende Albert Norden, war es interessant festzustellen, daß in dieser Kreisen (oder soll man sagen: sogar in diesen Kreisen ?) so etwas wie eine stille Bewunderung des Muts, vor allem der Strategie und Taktik von MLK und seiner Bewegung entstand.

Allerdings galten diese stille Bewunderung und die relativ laute Zustimmung der Medien mehr der Stoßrichtung der Aktionen Kings, nicht aber deren Methode. Gewaltlosigkeit war zweifellos eine Kategorie, die nicht auf die Normierungen des Klassenkampfes zu beziehen war, auch wenn eine Schrift zur Gewalttheorie von Friedrich Engels durchaus positiv hierbei in Anwendung hätte kommen können; in einem Vortrag in der Ostberliner Evangelischen Akademie habe ich dies jedenfalls einmal so getan. Generell war es aber leider so, daß die Gewaltlosigkeit von MLK oder die von Mahatma Gandhi (Satyagraha) in der DDR unter ideologischem Verdikt, in der Nähe des “schwächlichen Pazifismus”, stand. Dies war freilich ohnehin weniger Gegenstand der öffentlichen Diskussion, sondern mehr des Diskurses unter den Auguren, den Theoretikern des Marxismus-Leninismus.

Und wie war Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre das Echo auf MLK in den Kirchen der DDR? Hierzu muß man zwei Aussagen treffen:
1. Die Kirchen in der DDR standen damals in einem noch nicht abgeschlossenen Prozeß der Standortsuche und in permanenten Auseinandersetzungen mit dem Staatsapparat der DDR, so daß oft genug der Blick auf die eigenen Probleme den auf die in anderen Teilen der Welt verstellte.
2. Hinzu kam, daß es vor Gründung des Kirchenbundes in der DDR relativ wenige Kontakte von kirchlichen Persönlichkeiten in der DDR ins Ausland und speziell zur Ökumene gab, einmal wegen der soeben genannten innenpolitischen Gründe, dann aber auch deshalb, weil die ökumenischen Beziehungen der EKD vom Kirchlichen Außenamt in Frankfurt am Main maßgeblich bestimmt wurden. Nicht vergessen darf man überdies die Schwierigkeiten, die es damals mit DDR-Pässen und mit der notorischen Devisenknappheit in der DDR zu bewältigen galt. Schließlich wäre mit Blick auf MLK nicht ganz eine heute unbegreifliche, damals aber noch real wirksame Problematik zu berücksichtigen: MLK war Baptist, und das Verhältnis der Landeskirchen zu den Freikirchen war vor 40 Jahren noch nicht das beste, zumal die Behörden der DDR versuchten, ein gutes Verhältnis zu den Freikirchen gegen die Landeskirchen ins Spiel zu bringen.

Alle diese einschränkenden Bemerkungen hatten keine Bedeutung für einen Bereich des kirchlichen Dienstes, für den publizistischen. Sowohl in den Gemeindeblättern wie vor allem in der Monatsschrift “ Die Zeichen der Zeit” traten ökumenische Probleme in herausragender Weise in Erscheinung, und insbesondere der Chefredakteur der “Zeichen der Zeit”, Gerhard Brennecke, war geradezu avantgardistisch in der Vermittlung ökumenischer Erfahrungen an die Gemeinden in der DDR , darunter auch aus dem Umfeld der sog. Jungen Kirchen und der Negerbewegung. Es ist daher auch kein Zufall, wenn schon 1968 in der Evangelischen Verlagsanstalt ein Buch über MLK herauskam, das mit Anneliese Vahl (heute: Vahl-Kaminski) eine Mitarbeiterin der “Zeichen der Zeit”, zur Verfasserin hatte.

Solche publizistische Aktivitäten der Kirche, die Meldungen in den DDR-Medien und - nicht zu vergessen - die Berichte aus dem von Herrn von Schnitzler so genannten Schwarzen Kanal faszinierten damals vor allem junge Christen, so daß in den Evangelischen Studentengemeinden und in den Jungen Gemeinden MLK so etwas (ich sage es mit Vorbehalt) wie eine Kultfigur wurde.

Mit 1963, mit dem Marsch auf Washington und mit der Unterzeichnung der Bürgerrechtsgesetze durch Präsident John F. Kennedy zum 100. Jahrestag der Emanzipationserklärung Abraham Lincolns, war gleichsam eine neue Qualität der Negerbewegung in den USA im allgemeinen und ihres charismatischen Führers MLK im besonderen entstanden. Dies wirkte sich übrigens einerseits dahingehend aus, daß andere, traditionelle Abteilungen der amerikanischen Negerbewegung wie der NAACP sich in mancher Hinsicht den Alternativen Kings annäherten, während auf der anderen Seite - nicht ohne Zusammenhang mit der weltweiten antiautoritären Studentenbewegung - mit den Black Muslims eine gewaltsam operierende Organisation sich massiv von MLK abgrenzte. Wenn also nach 1963 in der DDR über die USA gesprochen wurde, dann war wie selbstverständlich auch von MLK die Rede; er war in einem geradezu atemberaubenden Tempo zu einer der repräsentativsten Persönlichkeiten der USA geworden. Die Meldungen über die Verleihung des Nobelpreises 1964 waren denn auch nicht überraschend....

Auf dem Weg nach Oslo zur Entgegennahme dieses Preises besuchte MLK West- und Ostberlin. Es war bezeichnend, daß die Marienkirche, wo King predigen sollte, schon lange vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt war, so daß ein weiterer Gottesdienst in der nahegelegen Sophienkirche anberaumt werden mußte. Bezeichnend war freilich auch, daß die, die den fernen MLK stets zu loben bereit waren, jetzt hinsichtlich des nahen Sorgen hatten: Würde das bürgerrechtliche Potential Kings womöglich inspirieren zu analogen Haltungen und Aktivitäten in der eingemauerten Stadt? Und es gab wohl auch in kirchlichen Kreisen eher konservativer Orientierung eine Sorge anderer Art, ob nämlich so etwas wie eine charismatische, die Grenzen der Kirchlichkeit sprengende Option von hier aus um sich greifen könnte. Beide Seiten sorgten sich indes umsonst: Es war die biblische Botschaft, die MLK, einer der großen Prediger dieses Jahrhunderts, verkündigte, nichts anderes. Immerhin blieb auf beiden Seiten dieser Stachel zurück.

Genau in dieser Zeit, 1964, war es , daß wir uns im Union Verlag, in dem seit 1951 bestehenden Verlag der DDR-CDU, überlegten, wie MLK in unserem Verlagsangebot zur Wirkung gebracht werden könnte. Zuerst wurde nicht zufällig MLK unter die ersten fünf Hefte einer neu konzipierten Reihe biographischer Skizzen “Christ in der Welt” aufgenommen - neben Albert Schweitzer und Papst Johannes XXIII., Otto Nuschke und Emil Fuchs, und dieses Heft sollte unter den dann fast hundert erschienenen zu einem der erfolgreichsten werden, neben dem über den grand docteur aus Lambarene. Im Herbst 1964 geriet ich merkwürdiger -und glücklicherweise in die Frankfurter Buchmesse, die damals zwar auch schon ein Megaereignis war, sich aber noch übersichtlich darbot. Ich hatte an der Beisetzung des seit Mitte der fünfziger Jahre vom Union Verlag betreuten Schriftstellers und Pädagogen Leo Weismantel teilgenommen, und auf der Rückreise von dem hessischen Wohnort des Dichters gestattete ich mir einen Abstecher zur Buchmesse. Da ich mich vor allem für wissenschaftliche und kulturgeschichtliche Literatur interessierte, war ein Besuch am Stand des damals aufstrebenden Econ-Verlags Düsseldorf und Wien geboten, und dort wurde ich von Kings Buch “Warum wir nicht warten können” fasziniert. Ich hatte auch das Glück, mit dem Verleger Erwin Barth von Wehrenalp ins Gespräch zu kommen und mit ihm einen Geschäftsmann und Intellektuellen kennenzulernen, der Verständnis für unsere Situation, sowohl hinsichtlich Druckgenehmigungsverfahren wie Devisenlage, zeigte. Jedenfalls konnte schon im nächsten Jahr eine erste Auflage des Buchs von MLK bei uns erscheinen. Zwei weitere folgten, denen ein Schreiben Kings an mich vom 13. Januar 1966 beigefügt worden war, in dem der ausdrückliche Dank dafür ausgesprochen wurde, daß wir damit dem Verständnis für die “Macht der Gewaltlosigkeit” (power of nonviolence”) “in a greater Germany”, also in der DDR, gedient hätten.

Um dies vorwegzunehmen: Wiederum ein Jahr später, 1966, legten wir in einer zweisprachigen Ausgabe die Nobelpreisrede von MLK unter dem Titel “Die neue Richtung unseres Zeitalters” vor. In dem Familien- und Hausbuch “Ernte und Saat” 1966 veröffentlichten wir eine der wichtigsten Predigten Kings “Tätige Liebe”, und auch die autobiographischen Bücher von Coretta und Martin Luther King sen. wurden im Union Verlag herausgebracht.

Es müßte allerdings auch hinzugefügt werden, daß im Umfeld dieser Veröffentlichungen im Union Verlag noch andere hinzukamen, etwa die Wiedergabe des Vortrags, den der amerikanische Negerschriftsteller James Baldwin auf jener Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Juli 1968 gehalten hatte, die eigentlich durch eine Predigt von MLK hätte eröffnet werden sollen. Auch die Autobiographie und die Nobelpreisrede Albert Luthulis, des legendären Chefs des Afrikanischen Nationalkongresses und Lehrers Nelson Mandelas, standen im Kontext dieses Verlagsprogramms, in dem schließlich einige literarische Gestaltungen dieser Problematik nicht fehlten, und zwar die Romane des evangelischen Pfarrers und Schriftstellers Alfred Otto Schwede, “Die Abraham Lincoln Story” (1971) und zuvor “Glory, glory hallelujah”, also die Geschichte des von Paul Robeson besungenen John Brown, und es lag nahe, daß Schwede in diesem Roman auch ein Bekenntnis zu MLK ablegte. Nach der Ermordung Kings wurde des Vermächtnisses von ihm in einer Gedenkschrift gedacht.

Wenn dies die eine Positionsbestimmung des Werks von MLK im Verlagsprogramm des Union Verlags war, und wenn diese nicht nur statistischen Mitteilungen ihrerseits ein Beitrag zur Frage der King-Rezeption in der DDR sind, dann ließe sich noch eine andere Positionsbestimmung ins Auge fassen; auch sie hätte letztlich eine gewisse politische Bedeutung.

Als wir im Union Verlag Kings Buch “Warum wir nicht warten können” vorlegten, stand dieses im Verlagsangebot neben der Friedensrede von Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, “Bedingungen des Friedens”; sie hatten wir kurz zuvor herausgebracht, 1964. 1966 stand dann die Nobelpreisrede von MLK - es war dies übrigens, wie die Nobelstiftung bestätigte, die erste Buchausgabe dieser Rede überhaupt - neben der Lizenzausgabe des seinerzeit als sensationell empfundenen und heute womöglich vom Titel her mindestens anregenden Buchs “Der Wettlauf zum Jahre 2000” von Fritz Baade, dem damaligen Präsidenten des Kieler Weltwirtschaftsinstituts, das heute noch existiert und zu jenen Forschungseinrichtungen zählt, die die Jahreswirtschaftsberichte für die Bundesregierung ausarbeiten und verantworten. Baade war schon vor 1933 SPD-Reichstagsabgeordneter gewesen, und nach der Rückkehr aus der Emigration wurde er u.a. Bundestagsabgeordneter der SPD.

Ich weiß von kirchlichen Persönlichkeiten, mit denen ich Ende der sechziger Jahre im Gespräch war, etwa vom späteren Bischof Albrecht Schönherr, wie in diesen Kreisen die erwähnten Veröffentlichungen in ihrer Bedeutung je einzeln, aber auch in ihren Zusammenhängen aufgenommen worden sind.

So mußte auffallen, was an entscheidender Stelle in von Weizsäckers Friedensrede mit einem Begriff umrissen wurde, der nicht im “Notizbuch des Agitators” in der DDR stand, im Gegenteil: Weltinnenpolitik. Von Weizsäcker verstand hierunter:
“Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter, sondern sein Herannahen drückt sich in der allmählichen Verwandlung der bisherigen Außenpolitik in Welt-Innenpolitik aus. Unter dem Titel Welt-Innenpolitik werde ich hier zwei verschiedene, aber beide aus der Vereinheitlichung der Welt entspringende Phänomene beschreiben: die Entstehung übernationaler Institutionen und die Beurteilung weltpolitischer Probleme mit innenpolitischen Kategorien...”

Während hinsichtlich des ersten Phänomens vor allem die damals relevante Verhandlungsdiplomatie kritisch untersucht wurde, merkte von Weizsäcker zum zweiten etwas an, das einerseits vertraut klang (Planung), andererseits aber gar nicht auf den Alltag der Leser/innen in der DDR zu beziehen war:
Das moderne Problem heißt: Freiheit und Planung. Moderne Industriegesellschaften wie einerseits die der atlantischen Nationen, andrerseits die der Sowjetunion werden einander unmerklich immer ähnlicher; dies geschieht unter der Decke widerstreitender Ideologien und echter Gegensätze politischer Gewohnheit und politischen Gefühls. Die technischen Notwendigkeiten erzwingen ein weitgehend geplantes Leben, und mit oft kaum erkennbarem Zwang, mit ökonomischem Druck und der Verlockung des Lebensstandards werden die Menschen dem Plan eingefügt. Wenn es in unserer Welt noch eigentliche menschliche Freiheit geben soll, so bleibt uns nicht erspart, auch den Raum dieser Freiheit zu planen. Ein Plan ohne Freiheit wird sich in einer fortschreitenden technischen Welt am Ende als unterlegen, ja als funktionsunfähig erweisen; er widerspricht der Natur des Menschen, der diese Technik und ihren Fortschritt trägt.”

In dem vorhin genannten Buch von Fritz Baade ging es letztlich auch um diese Problematik, um die Perspektive einer geplanten Gesellschaft, in der die Freiheit allein als eine soziale, kollektive Größe statuiert wurde, und um die Perspektive der anderen Gesellschaft, in der Planung und Freiheit auf einen Nenner gebracht werden sollten. Überdies ging es um den Wettbewerb dieser beiden Gesellschaften und darum, welchen Einfluß sie je auf die umworbene Dritte Welt gewinnen könnten. Als Baade sein Buch schrieb, sah dieser Wettbewerb, dieser “Wettlauf”, noch nicht so schlecht für die realsozialistische Gesellschaft aus. Schließlich war dieses Buch vor 1968 erschienen, und 1968 sollte das Schlüsseljahr für den “Wettlauf” werden. Es kann hier nur angedeutet werden, aber es war wohl so, daß trotz aller Widersprüche in der Folge von 1968 ein Erneuerungsprozeß in der westlichen Gesellschaft möglich und auch real wurde, akzeptiert zuletzt auch von den Konservativen. Umgekehrt wurde der Erneuerungsprozeß in der sozialistischen Gesellschaft, wie er vom “Prager Frühling” signalisiert worden war, à la Breshnew eingedämmt. 1989 begann 1969.

Wenn man Baades Metapher vom “Wettlauf” aufnimmt, ist impliziert: Es ist eine Welt, in der er sich abspielt. EINE WELT - dies ist nun aber auch der Kerngedanke in Kings Nobelpreisrede, wo er in der Zusammenfassung seiner Ausführungen seinerseits, eine bezeichnende Metapher zur Wirkung bringt. Ich zitiere:
“Alles, was ich gesagt habe, läuft auf den einen Punkt hinaus: die Behauptung, daß der Fortbestand der Menschheit von der Fähigkeit des Menschen abhängt, die Probleme der Rassendiskriminierung, der Armut und des Krieges zu lösen; die Lösung dieser Probleme wiederum ist davon abhängig, daß der Mensch seinen moralischen mit seinem wissenschaftlichen Fortschritt in Einklang bringt und die Kunst, in Eintracht zu leben, praktisch zu üben lernt. Vor einigen Jahren starb ein berühmter Romancier. Unter seinen Papieren fand sich eine Liste von Fabeln, die er für künftige Geschichten in Aussicht genommen hatte; die am stärksten unterstrichene war: ’Eine weit voneinander getrennte Familie erbt ein Haus, in dem sie zusammen wohnen muß.’ Dies ist das gewaltige neue Problem der Menschheit. Wir haben ein stattliches Haus geerbt, ein großes ‘Welthaus’, in dem wir zusammen leben müssen - Schwarze und Weiße, Menschen aus dem Osten und dem Westen, Heiden und Juden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus, eine Familie, die in ihren Ideen, ihrer Kultur und ihren Interessen übermäßig verschieden ist und die - weil wir nie ohne einander leben können - irgendwie lernen muß, in dieser großen Welt miteinander zu leben.

Dies bedeutet, daß unsere Ergebenheit immer mehr auf das weltweite Ganze gerichtet werden muß anstatt auf einzelne Teile. Wir müssen jetzt die allergrößte Ergebenheit gegenüber der Menschheit als Ganzes an den Tag legen, um das Beste in unseren individuellen Bereichen zu bewahren.”

WELTHAUS - es war dies die bildhafte Umschreibung dessen, was Franklin Delano Roosevelt und Wendell S. Willkie, die Führer der amerikanischen Nation im Zweiten Weltkrieg, im Konsens der beiden großen Parteien, die sie repräsentierten, als Kriegs- bzw. Friedensziel formuliert hatten, nämlich die Herstellung der ONE WORLD, der einen, einzigen Welt, durch die im Kampf gegen das NS-Regime vereinten Nationen (noch klein geschrieben). Es kam dann zwar nach dem Sieg der Alliierten zu der Vereinten Nationen, jetzt groß geschrieben, also zur UNO, aber fast gleichzeitig zur neuerlichen Spaltung der Welt, zum Kalten Krieg, zum “Wettlauf”, und MLK wußte, wenn er in seiner Osloer Rede gegen atomare Waffen, für friedliche Lösung der weltpolitischen Probleme eintreten würde, geriete er zwischen die Fronten.

Heute wäre er es womöglich wieder, denn daß MLK der von der UNO nicht gedeckten militärischen Gewaltlösung der irakischen Probleme durch die USA und England im Dezember 1998 zugestimmt hätte, ist wohl kaum anzunehmen. Wahrscheinlich hätte er dieser Strategie, die manche Beobachter - wie Professor Ernst-Otto Czempiel in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 18. Dezember 1998 - für eine neue Strategie der Gewalt und für den “Abschied von der Politik der Weltgemeinschaft” halten, seinen Widerstand entgegengesetzt, wie er dies seinerzeit in der Vietnam-Politik mit seiner Aufsehen erregenden Ansprache in der New Yorker Riverside Church am 4. April 1967 getan hatte.

Daher setzte er - und das ist, wenn ich dies richtig sehe, eigentlich die über 1964 und 1968 und 1989/90 weiterführende und gültige Botschaft Martin Luther Kings - die entscheidenden Akzente im zweiten, im mittleren Teil der Nobelpreisrede. Hatte er im ersten Teil über die Bürgerrechtsbewegung und über seine Konzeption der Gewaltlosigkeit gesprochen und ging es im dritten Teil um den Frieden und die atomare Bewaffnung, so im Mittelteil um das, was King besonders am Herzen lag, um den Kampf gegen die Armut, also, wenn Sie so wollen, um die Ergänzung der individuellen Bürgerrechte durch die sozialen, und dies im Zeichen von Gleichheit und Gerechtigkeit für die Angehörigen aller Rassen. Aus der Sicht von heute, genau einhundert Jahre nach dem Eintritt der USA in die aktive Gestaltung der Weltpolitik (Krieg mit Spanien um Kuba, die Philippinen), erscheint Kings Beschwörung der Problematik der Armut überdies, als Aufruf an die heute einzig noch führende Weltmacht, ihr nicht auszuweichen, sondern gerade ihr alle Kraft zugunsten wirklicher Lösungen zu widmen.

Die diesbezüglichen Kernsätze von Kings Osloer Rede sind diese:

“Die Zeit ist gekommen für einen mit aller Macht geführten Weltkrieg gegen die Armut. Die reichen Nationen müssen ihre ungeheuren Quellen des Wohlstandes benutzen, um die Unterentwickelten zu entwickeln, die Ungebildeten zu bilden und die Hungrigen zu ernähren. Im Grunde ist eine Nation groß, wenn sie des Mitfühlens fähig ist. Kein Individuum und keine Nation kann groß sein, wenn sie sich nicht um ”den Geringsten unter diesen” sorgen. Tief in das Wesen unserer religiösen Überlieferung ist die Überzeugung eingegraben, daß die Menschen zum Bilde Gottes erschaffen und daß sie Seelen von unendlichem metaphysischem Wert sind, die Erben eines Vermächtnisses von Erhabenheit und Würde. Wenn wir dies als eine tiefe moralische Gegebenheit fühlen, können wir nicht hinnehmen, daß Menschen Hunger haben, daß Menschen dem Hungertod und Krankheiten preisgegeben sind, wenn wir über die Mittel verfügen, ihnen zu helfen. Die wohlhabenden Nationen müssen sich alle anschicken, die Kluft zwischen der reichen Minderheit und der armen Mehrheit zu überbrücken.
Letzten Endes dürfen die Reichen an den Armen nicht achtlos vorübergehen, weil sowohl Reiche wie Arme in ein einziges Gewand des Schicksals gehüllt sind. Alles Leben steht in Zusammenhang miteinander, und alle Menschen sind voneinander abhängig. Die Not der Armen schwächt die Reichen, und die Rettung der Armen stärkt sie. Wir sind notgedrungen unseres Bruders Hüter, weil die Struktur der Gesellschaft auf Wechselwirkung beruht. John Donne veranschaulichte diese Wahrheit, als er schrieb:

‘Kein Mensch ist eine Insel, abgeschlossen in sich; jeder
ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des
Meeres: Wenn ein Stück Erde weggespült wird von der See,
wird Europa kleiner, genauso, wie wenn es ein Vorgebirge
wäre, ein Gutshof deiner Freunde
oder deiner selbst; der Tod jedes Menschen
schwächt mich, denn ich bin inbegriffen in
der Menschheit: Und deshalb sende nie zu fragen,
für wen die Stunde schlägt: sie schlägt für dich.”

Was MLK hier - im Anschluß an einen häufig von ihm zitierten englischen Dichter aus dem 16. Jahrhundert - zu seinem Menschenbild formuliert, ist auf eigene Weise auf das zu beziehen, was er im Jahr zuvor in seinem berühmt gewordenen Brief aus dem Gefängnis in Birmingham an zögerliche und zweifelnde Kirchenführer und Theologen geschrieben hatte - eine “Lektion” über Gleichheit und Gerechtigkeit:

“Um die Sprache des jüdischen Philosophen Martin Buber zu gebrauchen:

die Rassentrennung setzt an die Stelle der ‘Ich-Du-Beziehung’ die ‘Ich-Es-Beziehung’ und führt dazu, daß Menschen zu Sachen herabgewürdigt werden. So ist die Segregation nicht nur politisch, wirtschaftlich und soziologisch ungesund, sondern auch falsch und sündhaft. Paul Tillich hat gesagt, daß Sünde das gleiche ist wie Trennung und Absonderung. Ist nicht die Rassentrennung wesensmäßig der Ausdruck der tragischen Trennung des Menschen, seiner furchtbaren Absonderung, ja seiner schrecklichen Sündhaftigkeit?”

Als ich dies damals las, erinnerte es mich nicht nur daran, daß sich MLK als Student viel mit den Auffassungen des in die USA emigrierten deutschen Theologen und Antifaschisten Paul Tillich beschäftigt hatte; es ergab sich für mich vielmehr auch eine große Nähe zu dem, was ich in dem Buch von Fritz Baade, in dessen letztem Kapitel “Die große Zeit des Christentums”, gelesen hatte - ein für einen Ökonomen in einem mehr dem Politikökonomischen gewidmeten Buch offenbar denkwürdiges Kapitel! Dort kann man etwa lesen:

“Unsere Hoffnung, daß der Wettkampf zwischen Vernunft und Wahnsinn, in dem wir stehen, zugunsten der Vernunft entschieden wird, stünde auf sehr schwachen Füßen, wenn nicht die Kräfte des Glaubens mit denen des Verstandes verbündet wären. So wie der Christ als Christ sich darüber freuen darf, daß er die Lehren Christi so, wie sie in der Bergpredigt verkündet sind, nun endlich ernst nehmen und befolgen darf, so bedeuten diese Lehren für die gesamte Menschheit eine entscheidende Hilfe bei dieser Wahl zwischen Selbstvernichtung und der Hoffnung auf eine Welt, die fast ein Paradies auf Erden werden könnte.

Das Wort: ’Liebet eure Feinde!’ ist allzu lange nur als ein Sonntagswort empfunden worden, ohne praktische Bedeutung für den Alltag. Heute wird es ein Wort der Realpolitik, und wem dieses Wort zu streng und zu fordernd zu sein scheint, der soll sich mindestens mit dem Ersatzwort neuerer Literatur vertraut machen: ‘Feinde sind auch Menschen’. Die Hoffnung der Menschheit darauf, daß ihre Kinder das Jahr 2000 erleben werden, wird erheblich erhöht werden, wenn wir hoffen dürfen, daß die entscheidenden Politiker in der Welt, in der östlichen wie in der westlichen, mindestens diese bescheidenere Wahrheit einsehen.

Aber das Schönste, was in der Bergpredigt zu Problemen gesagt worden ist, die vor den heute lebenden Menschen und vor der nächsten Generation stehen, ist das Wort aus den Seligpreisungen: ‘Selig sind die Sanfmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.’

Kings Menschenbild nach seiner Osloer Rede und nach dem Brief aus dem Gefängnis hat indes offenbar noch eine andere nicht uninteressante Dimension, die Nähe zur jüdischen Gemeinschaft. Sie wird nicht allein durch die Beschwörung Martin Bubers, des Freundes von Emil Fuchs, der das Nachwort zur DDR-Ausgabe von “Warum wir nicht warten können” geschrieben hatte, angedeutet; sie geht auch aus der aktiven Beteiligung amerikanischer jüdischer Persönlichkeiten, etwa des bekannten Rabbiners Joachim Prinz, an der Bürgerrechtsbewegung hervor, und nicht zuletzt ist darauf zu verweisen, daß Dr. Hans Lamm, der Übersetzer von “Warum wir nicht warten können”, vor 30 Jahren eine führende Rolle im Zentralrat der Juden gespielt hat.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, damit schließt sich der Kreis dieser meiner Überlegungen zum 70. Geburtstag von MLK. Wenn wir als Christen in der DDR die Gedanken MLKs auf- und annahmen, dann natürlich wie auch andere in der damaligen DDR in Hinsicht auf die Erfolge der Aktionen im Bürgerrechtskampf. Wir hatten uns aber zu hüten, und dem einen gelang dies besser als dem anderen, den Versuchungen eines notorischen und prinzipiellen Antiamerikanismus nachzugeben. Möglicherweise konnte solcher Versuchung dann am ehesten entgegengesteuert werden, wenn King im Kontext auch anderer Positionen nonkonformistischer Art, von denen hier einige damals in der DDR auf dem Buchmarkt greifbar gewesene Proben angeführt worden sind, zur Kenntnis genommen wurde, gewissermaßen mit der Formel:

Für das WELTHAUS der SANFTMÜTIGEN, das auf den Pfeilern von PLAN UND FREIHEIT ruht..

Prof. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Günter Wirth, Berlin

 



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