Martin-Luther-King-Zentrum trauert um Gerhard Schneider

Wir trauern um unser langjähriges treues Mitglied Gerhard Schneider, der im Alter von 92 Jahren verstorben ist.
Schneider gehörte zu den „Werdauer Oberschülern“, einer Widerstandsgruppe, die sich 1950 in Werdau nach dem Vorbild der „Weißen Rose“ gegründet hatte.

Gerhard Schneider wurde am 18. November 1931 in Werdau geboren. Er besuchte ab 1947 die Oberschule in Werdau, verließ sie aber 1950, weil er sein eigenes Geld verdienen wollte und begann eine Maschinenschlosserlehre. Die Verbindung zu seinen früheren Mitschülern hielt Gerhard Schneider weiter aufrecht. Bei gelegentlichen Treffen mit ihnen kritisierte man gemeinsam die Zustände in der DDR. Die Jugendlichen wollten etwas verändern und begannen 1951 mit selbst gefertigten Flugblättern gegen die Wahl vom Oktober 1950 und später gegen das Todesurteil gegen Herrmann-Josef Flade aus Olbernhau zu protestierten. Außerdem hatten sie mit sogenannten Stinkbomben politische Versammlungen in Werdau gestört.

In der Nachnt vom 18. zum 19. Mai 1951 wurden Theobald Körner und Siegfried Müller während einer erneuten Flugblattaktion verhaftet. Kurz darauf wurden alle weiteren Mitglieder der Gruppe festgenommen. Nach einwöchiger Stasi-U-Haft und stundenlangen Verhören in Dresden wurden die Jugendlichen bis zur Verurteilung in Zwickau inhaftiert.

Der Prozess gegen die 19 Angeklagten begann am 3. Oktober 1951 morgens vor dem Landgericht Zwickau. Er endete nachts um halb eins mit dem Urteil. Das Gebäude war von Polizei umstellt, die Eltern der Angeklagten durften nicht hinein. Nur linientreue Gäste waren zum Prozess erwünscht. Erst kurz vor der Verhandlung bekamen die Angeklagten Pflichtverteidiger – einer für jeweils vier Jugendliche. Die 19 Jugendlichen wurden zu insgesamt 130 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Urteilsbegründung lautete damals: „Wegen Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen, Verbreitung und Bekundung tendenziöser Gerüchte, die den Frieden des deutschen Volkes und der Welt gefährden, Spionage und Völkerhass.“

Gerhard Schneider wurde zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war nach kurzer Haft in Leipzig in Waldheim, Torgau, Waldheim und wieder in Torgau inhaftiert. Am 28. September 1956 bekam er die Nachricht, dass er am nächsten Tag entlassen wird. Denn Wilhelm Pieck hatte die Oberschüler begnadigt. Am 29. September 1956 fuhr Gerhard Schneider mit dem Zug nach Werdau. Seine Familie wusste nichts von seiner Heimkehr. Seine Freundin Ilse, mit der er ab 1948 liiert war, hatte auf ihn gewartet. Wegen ihr, die ihren Vater nicht allein lassen wollte, blieb er in Werdau. 1957 heiratete er Ilse, sie bekamen später eine Tochter und zwei Söhne. Gerhard Schneider absolvierte ein Finanzwirtschaftstudium und arbeitete bis zu seinem Vorruhestand 1994 in der Region. 1992 wurde er rehabilitiert. Über die Vorfälle hat er zu DDR-Zeiten geschwiegen. Seinen Kindern hat er erst nach der politischen Wende davon erzählt.

Wir gedenken seiner in Dankbarkeit.